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Ich musste gerade 40km im trockenen, warmen Auto fahren. So eine Scheiße!“

– Dean Nixon 02.06.2013

Als Dean mir das sagte, stand ich gerade zitternd, klatschnass, mit einem Becher fast heißer Kartoffelsuppe und Würstchen in der Hand auf einem Parkplatz. Gefühlt irgendwo zwischen Brandenburg und Sachsen. Oder im Nirvana? Die Begriffe warm und trocken hatte ich in den letzten 15h stückweise aus meinem Wortschatz gestrichen. Es gab für mich nur noch die Straße, mein Rad, die anderen 70 leicht verrückten Radfahrer, das Sauwetter und ein Ziel. Leipzig!

Zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns bereits auf dem Rückweg. Zurück, von Berlin nach Leipzig. Dort waren wir am Samstag Abend gegen 19 Uhr gestartet. Schon allein die Idee und die Tatsache, 450km am Stück und dabei auch die Nacht mit dem Rad fahren zu wollen, ist für die wenigsten nachvollziehbar. Das die Witterung dann auch noch mitgespielt hat und uns gerade mal fünf oder sechs Stunden ohne Regen bescherte, war dann wohl Pech. Das Wetter war auch der Grund, warum von den 110 für die LE Biketour angemeldeten Radfahrern nur 75 am Start waren und sich einschrieben.

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Hätte ich nicht schon die Anreise von Berlin in Kauf genommen und wäre die Startgebühr plus das Teilnehmertrikot etwas geringer gewesen, ich hätte es mir dreimal überlegt, ob ich starte. Doch ich war in Leipzig und mein Rad auch. Nicht starten hätte mir sicherlich viel Spott von meinen Berliner Rennradbuddys eingebracht. Die Blöße, es nicht wenigstens versucht zu haben, wollte ich mir nicht geben!

So stand ich nun im Nieselregen am Völkerschlachtdenkmal und packte meine sieben Sachen in den Transportsack. Beobachtete die anderen Teilnehmer. Hier und da ein bisschen Smalltalk und die Zeit zum Briefing und zum Start war gekommen. Ganz unspektakulär, auf einem Parkplatz. Ohne Zuschauer. Nur vereinzelte Familienangehörige der Starter.

Als wir aus Leipzig raus waren, rollte es gut. Der Wind blies aus jeder Richtung mal. Es regnete stärker, schwächer, mal gar nicht. Irgendwann goss es wie aus Kübeln. Und damit das ganze nicht zu einfach ist, wurde es auch noch dunkel. Im Regen durch die Nacht. Na super, dachte ich mir. Das kann ja heiter werden. In Gedanken bereitete ich mich schon drauf vor, in Berlin einfach zu meinem Bett zu fahren. Sollen die doch denken, was sie wollen. Über 200km nur durch Regen machen keinen so großen Spass. Und vom Brandenburger Tor sind immerhin nur 10km nach Hause.

Ich habe munkeln hören, dass die meisten auf der Hälfte der Strecke umdrehen wollen.

– mir unbekannter Mitfahrer

Irgendwann gegen ein Uhr nachts muss es dann auch aufgehört haben, zu regnen. Die Straßen wurden trocken, die Kleidung erst Klamm und dann sogar warm. Und am Horizont schimmerte schon bald die Sonne durch die Wolkendecke. Wirklich viel Erinnerungen habe ich ehrlich gesagt nicht an den Nachtteil. Ein sechstündiges DJ-Set von Alle Farben sowie ein paar kleinere gestaltete das ganze aber recht kurzweilig. Die meisten waren mehr oder weniger mit sich beschäftigt.

Bei er letzten Pause vor Berlin, das muss so gegen vier Uhr gewesen sein, wurde ich dann etwas mutig. Zu mutig, wie sich später herausstellte. Lange Hose und Regenjacke wurden ins Auto verbannt. Stattdessen ging es in kurzer Hose und kompletten Berlin-Trikot Dress Richtung Ortseingangsschild. Die ganze Gruppe hat sich mehr oder weniger stadtfein gemacht. Und nur wenige Kilometer später sammelten wir die 6 Motorräder und den Einsatzwagen von der Polizei ein, die uns durch die Stadt geleiteten. 

Mit grüner Welle und gesperrten Kreuzungen ging es über das Adlergestell und die Sonnenallee in die City. Das übernächtigte und verstrahlte Berliner Partyvolt feuerte uns vereinzelt sogar an. Ich genoss die Fahrt durch die Stadt. Meine Stadt. Ich war der einzige Berliner in der Gruppe. So ließ man mich sogar das Feld anführen. Für die Polizeieskorte muss es ein sehr entspannter Einsatz gewesen sein. Freundlich begrüßten sie und verabschiedeten sie uns, während der Fahr machten sie manchmal auch faxen. So schien es zumindest. Bei dem obligatorischen Fotostop am Brandenburger Tor wartete zu meiner Freude Alexander mit seiner Kamera.

Danke @Alexander Horn, ich hab mich so gefreut, dich dort zu sehen!

Motivierende Worte und ein paar Fotos später ging es dann auch  schon wieder raus aus der Stadt. Bald fing es wieder an zu regnen. Und das hörte dann auch nicht mehr auf. Frühstücks- und Mittagsstop wurden zitternd in Kauf genommen und so kurz wie möglich gehalten. Ebenso die (zu vielen?) Pinkelpausen zwischendurch. Hier kam dann auch irgendwann die Info zu mir durch, dass die Fähre in Prettin wegen des Elbhochwassers nicht mehr fährt. Das bedeutete für uns 20km extra durch das Scheißwetter. Die Tourleitung war aber schon dabei die Strecke etwas umzuplanen. So fuhren wir dann auf dem direkten Weg übe die B87 nach Leipzig

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Der Weg durch die Stadt fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Der große Nachteil, wenn man in fremden Städten unterwegs ist, es zieht sich ewig hin! Umso erleichterter und glücklicher war ich, als das Völkerschlachtdenkmal und das blaue Zielbanner auftauchte. Mit so etwas wie einem Zielsprint ging es drunter hindurch. Aber auch wieder alles sehr unspektakulär. Denn das LVZ Fahrradfest, in dessen Rahmen wir im Ziel von den Teilnehmern der RTFs gefeiert werden sollten, viel mächtig ins Wasser. Lediglich die Radio PSR Moderatoren und Micha (einer der Organisatoren, der aus privaten Gründen zu Hause blieb) warteten im Regen auf uns. Klatschnass und mit der ein oder anderen Träne im Auge fielen wir uns in die Arme und gratulierten uns zu der verrückten Aktion. Und dann verlief sich die „Masse“ auf dem Platz. Die einen zu ihren Familien, zum Gepäcktransporter, Richtung zu Hause.

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So unauffällig, wie es begann, endete es. Dazwischen lag körperliche und mentale Grenzerfahrung ,Unmengen an Niederschlag sowie 450km Straße. Tausend Dank, an Anja, Micha, Peter und Mirko, für diese super organisierte Tour. Ich bin im nächsten Jahr sicherlich wieder dabei. Dann aber bitte bei besserem Wetter!

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