Die Elbspitze ist nun schon wieder viel zu lange her, die Anmeldung und Streckenpräsentation für 2015 ist nur noch zwei Wochen hin – hier mal endlich meine Leidensgeschichte:

Der Körper ist vollständig erholt, Zeit um das ganze nochmal Revue passieren zu lassen, die rosarote Brille aufzusetzen, den FB-Beitrag vom Tag danach zu lesen und die SMS während der Pausen an meinen Bruder bzw. meine Freundin nochmal zu lesen. Von Bekannten, wurde ich schon mehrfach darauf angesprochen, so dass viel berichtet wurde.

Im Vorfeld bin ich ja schon öfter und viel lange Touren gefahren. Die bisherige Krönung war für mich die Fichkona 2014, 600km in knapp über 20h mit einem unglaublichen 34er Schnitt. Einer Gruppe, die super harmonierte und Spass machte. Dass danach der Schwierigkeitsgrad wieder etwas angehoben werden musste, war für mich klar, so langsam will ich mich in Richtung des ersten 1000er Tasten.

Aus etwas anheben wurde dann ein massiver Sprung nach oben. Aus 601km mit ca. 3.500 hm wurden knapp über 700km mit 10.500hm. Aus 20h Bruttofahrzeit wurden etwa 32h. Eine Zeitspanne, die ich „wach“ bisher nur bei durchtanzten Nächten erlebt habe und eben nicht bei massiver körperlicher Belastung. Das ganze schon vorher im Kopf visualisiert – ich hatte, ehrlich gesagt, die Hosen gestrichen voll. Immerhin war trockenes Wetter angesagt, entspannte 38° wurden es in Tschechien. Perfektes Wetter um Rennrad zu fahren. Nicht! Jeder normale Mensch wäre im Pool gelandet. Gut, nicht normal zu sein.

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Nach einer Recht kurzen Nacht standen wir dann Freitagmorgen um kurz nach vier in Dresden an der Frauenkirche. 20 Menschen mit Rädern, diverse Autos mit den Betreuern und ein paar Dresdner Biker, die uns noch ein Stück begleiteten. Briefing durch den Chef Ekki, die obligatorische Runde um die Frauenkirche und erstaunlich pünktlich, gegen fünf Uhr morgens, rollten wir entspannt aus Dresden raus. Das Garmin zeigte noch keine sonderlich hohen Geschwindigkeiten an, ich sortierte mich ins vordere Mittelfeld und versuchte den Kopf von der bevorstehenden Aufgabe frei zu räumen. Es rollte gut und flüssig, bis zur ersten Bergwertung. Lass die anderen spielen, dachte ich mir. Nach nicht einmal 100km wollte ich noch nicht zu viel Gas am Berg geben und rollte recht entspannt mit dem „Gruppetto“ die Baukahre hoch. Bergwertung zwei und drei, alle noch vor der ersten Pause bei Kilometer 155 nahm ich ähnlich in Angriff. Oben wurde immer gesammelt, kurz ins Auto gegriffen (Bananen, Wasser, Riegel… der Körper braucht ja Treibstoff).

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Nach der Pause ging es straight auf die Mittagsstunde zu. Die Temperaturen waren schon länger über meinem Wohlfühlbereich. Das ging nicht nur mir so, so wirklich glücklich schienen die wenigsten. Noch dazu hatten wir auf den tschechischen Straßen eher weniger Schatten. Immer schön pralle Sonne von oben und Hitze von unten, die der Asphalt abgestrahlt hat. Das führte leider zu den ersten Ausfällen, immer wieder musste Tempo rausgenommen werden, es gab extra Pausen um die Wasservorräte zu füllen. Der Blick wanderte regelmäßig von der Straße auf das Garmin. Nicht um Pace, Watt oder Puls zu checken. Eher die Uhrzeit, um nachzurechnen, wann es denn endlich kühler wird und das Thermometer mal unter die 30° Marke sinkt. Noch dazu kam, dass der zweite als Kaffeepause deklarierte Stop später als erwartet kam. Nicht gut für Kopf und Körper. Hier meldete ich mich dann auch das erste mal zu Hause.

2. Pause, war zäh… Autobahn, 37 Grad und pralle Sonne. Erste Etappe fluppte ganz gut. Garmin sagt was von 3100hm, 270km und 31,8er Schnitt – an Amrei

Halte noch ne Weile durch. Wir sind oft am liveticker. Mutti und Thomas

Wenn man so einen bekloppten Sohn hat – da bekomm ich immer noch n Kloß im Hals, wenn ich das lese. Danke für die Unterstützung.

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Es wurde wieder welliger. Und mit den Hügel kam schattenspendender Wald wieder ins Spiel. Welch ein Segen! Mittlerweile waren schon drei Mann raus. Krämpfe, Hitze, Erschöpfung. So wirklich frisch war, glaube ich niemand mehr und es war gerade mal Halbzeit. Als wir die alten Grenzstationen nach Österreich überquerten war für meinen Kopf ein wichtiger Punkt erreicht. Das war so a la „Hey du bist in Österreich, es ist nicht mehr weit, fast geschafft.“ Kopf verarscht Beine, 300km to go. Hier gabs zur Abwechslung dann auch die nächste Bergwertung, kurz vor dem Abendessen. Die üblichen Kandidaten, Sirko und Stäps stiefelten vorn weg. Die Hilde, Sam und Piegs hinterher und irgendwie war ich auch recht weit vorn im Berg dabei. Die Aussicht auf die Pause am Ende der Anstieges beflügelte auch noch. So zauberte ich noch mal etwas mehr Druck aufs Pedal und schaffte es irgendwie als vierter oben anzukommen. Erstaunlicherweise stand die Knusperhexe schon oben, ziemlich fertig, und ich fragte mich in meinem Delirium, wann der an mir vorbei ist. Ist er nicht. Nummer 5, der ausgestiegenen Fahrer.

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Die Pause, mit Nudelsuppe und wiederholten Unmengen an Wassermelone, kam gerade recht. Hinter dem Rathaus, an der Feuerwehr, mitten im Dorf. Kritisch beäugt vom Enkel der Bürgermeisterin schaufelten wir alles erdenkliche an Nahrung in uns rein. Freuten uns über die ersten festen Örtlichkeiten und kletterten nach einem Erinnerungsfoto für das Dorfblatt wieder auf unsere Räder.

Lebe noch, bergpunkte ergattert und endlich wird es kühler! –  an Mutti

Downhill bis Linz, Verfahren, kurzer Abstecher auf die Autobahn und irgendwie haben wir dann den Weg an der Donau entlang gefunden. Im Wind hat Björn seinen Dieselmotor angeworfen und zog uns vorbei an einer wunderschönen blauen Stunde in die Nacht. Dank der kühleren Temperaturen kam auch ich wieder in Schwung. Hab den Flow wiedergefunden. Die Stimmung wurde wieder besser, in den Tälern ließen sich die Gipfel links und rechts nur erahnen. Es ging immer straight dem Vollmond entgegen, der megamäßig am Himmel erstrahlte. Die nächste Bergwertung, kurz vor der Mitternachtspastaparty, wenn man in dem Zustand noch von Party sprechen kann, wurde wieder mit Druck genommen. Nach einigen Spassattacken setzten sich Sirko und Stäps wieder ab. Ich stiefelte in meinem Tempo hinterher, bis kurz der Tobs neben mir auftauchte. Das nutzte ich als Motivation, um an die beiden vorn ranzuspringen. Im nachhinen hätte ich vielleicht doch einfach vorbeiknallen sollen, es waren wieder deutlich über 340 Watt tretbar. Oben angekommen, ging es auch gleich wieder runter. Mit gut 70 Sachen, nicht unbedingt langsamer, als tagsüber. Vielleicht nicht zwingend gesund, aber geil.

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Läuft gut und mir geht’s gut. 3. an der Bergwertung eben. Beine laufen rund. Musst dir keine Sorgen machen. (ca. 23:50Uhr) – an Amrei

Es gibt Sachen, die sind einfach geil. Erst mit 300W den Berg hochknallen und dann im dusteren mit über 70 runter. Läuft grad richtig (ca. 23:50 Uhr) – an Conra

Wie man sieht, die Nacht hat mir Spass gemacht. Der Körper hat sich – soweit möglich – von den Strapazen der Hitzeschlacht am Tag erholt. Die Anstiege wurden länger, nicht unbedingt flacher und die Motivation war da. Naja, es dann Übermotivation. Die jetzt anstehende Bergwertung war als Doppelbergwertung geplant. Die leztere war die Sonderwertung Hohentauern, also dort erst sammeln und weiter. Im Anstieg zur Kaiserau hab ich frohen Mutes wohl etwas zu viel Gas gegeben, dass ich dann ab Trieben wieder zu kämpfen hatte. Ein überwiegend flacher Rollerberg, der gegen Ende den Hammer auspackt. Gegenwind, 24h wach, dunkel und allein unterwegs. Naja, irgendwann war ich oben. Passt.

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Hohentauern. Kein Bock mehr… (4:18 Uhr) – an Amrei

Lebe noch. Fahre noch. Grad Hohentauern. Dann 34km downhill zum Frühstück. (4:20 Uhr) – an Mutti

Alle wickelten sich in ihre dicken Sachen und Jacken ein und warteten auf den Rest. Kurz mal hingelegt, kein Powernap. 34km überwiegend bergab bis zum Frühstück. Das alles kurz vor Sonnenaufgang, der schlimsmten Phase, der Nacht wie ich finde, wenn man durchmacht. Kälte kriecht in alle Poren, Kopf und Körper brüllen geradezu nach Schlaf, fordern ihn für Sekundenbruchteile ein. Und wir fahren den Berg runter… Alle kämpften. Mit sich, mit der Müdigkeit, keine Ahnung wie ich das sturzfrei da runter geschafft habe. Gefühlt bin ich sehr viele Schlangenlinien gefahren.

Überlebt. Mit allen Höhen und Tiefen, Highs und Sekundenschlaf (6:05 Uhr) – an Conrad

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Zum Glück kam die Sonne raus und mit Licht und Wärme kehrten auch die Lebensgeister zurück. Die finale Pause war am Fuß des Soboth angesetzt. Dabei fuhren wir bereits einmal am Hotel und auch am Abzweig zum Speik vorbei. Mein Magen hatte unterdessen mit Sodbrennen und Übelkeit zu kämpfen. Das kannte ich bisher nur von extremer Hitze. Essen ging so gut wie nicht. Trinken so lala. Die Beine waren leer. Der Kopf war leer. Kurz gesagt, ich hatte keinen Bock mehr. Selbst bei leichtem Gefälle bergab mitzutreten tat weh. Der Entschluss reifte, den Soboth und die Weinebene nicht mehr mitzunehmen. Das wäre nochmal (so zum Vergleich), Höhenmeter wie beim Ötztaler Radmarathon und 100km vs. 20km zurück, 16km bergauf und ca. 2000hm.

Dem Magen ging es zwar urplötzlich wieder besser, aber Entscheidung ist Entscheidung. Ich hab mehr geleistet, als ich zu träumen wagte, die Option DNF war im Vorfeld viel zu präsent. Auf dem Speik mit etwas über 700km und 10.500hm zu finishen, ist auch eine unglaublich geile Leistung! Von den vieren, die die Option verkürzen gewählt haben, war ich dann auch erster oben. Dafür gibt es zwar keinen Blumentopf, aber Verpflegungschef Alex wartete mit Bier auf uns. Und was gibt es für eine bessere Motivation sich einen Berg hochzuquälen, als Bier. Noch dazu den wohl härtesten Anstieg der Alpen. 16km die eigentlich nur mit zweistelligen Prozentzahlen ansteigen. 16km auf denen Schatten ein Traum ist. 16km, die schon unglaublich anstrengend sind, wenn man am Fuß frisch losfährt. Und wir haben den Berg mit knapp 700km bzw. 760km in den Beinen platt gemacht.

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Zum Anstieg im Speik sei vielleicht noch so viel gesagt: Das Ding ist brutal. Brutal steil, brutal geil, es war brutal heiß! Die auf uns „abgestellten“ Supporter machten einen super Job, versorgten uns regelmäßig mit Wasser in den Flaschen und übergossen uns um die Körper auf Betriebstemperatur zu halten. Man schraubte sich so dermaßen schnell gen Himmel, dass jeder Moment, in dem man einen Blick ins Tal erhaschen konnte ein Träumchen war. Trotz leeren, laktatverhangenen Blick. Kurze Pause an der Koralpe und dann nochmal die letzten 300hm – die schlimmsten, anstrengensten 300hm meines Lebens.

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Mit 700km auf der kurzen Runde als erster gefinished. – komplette Familie

Bier aufm Speik und dann 18km mit 12% Gefälle runter. Ich seh schon kaputte Felgen – an Conrad

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Alle Bilder gibt es hier: https://www.flickr.com/photos/30285011@N03/albums/72157656220945691/with/19921279445/

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